Sabine Leidig
Zurück zur Seite

Redetext

Artikel
Tesla-Hype in Brandenburg … oder wie pervers „Klimaschutzpolitik“ sein kann
27. Februar 2020
Am 12. November 2019 verkündete Tesla-Chef Elon Musk, in Brandenburg wolle er seine vierte Auto-„Gigafactory“ bauen; von zunächst 3.000 Arbeitsplätzen ist die Rede und von einer halben Million Autos, die hier pro Jahr zu produziert werden sollen. Geplant ist die Montage des Kompakt-SUV (Modell Y) und des Model 3, mit dem der Durchbruch auf den Massenmarkt gelingen soll. Schon im Juli 2021 es losgehen.

Der Bundeswirtschaftsminister ist begeistert; die neue Landesregierung aus SPD, CDU und Bündnis 90/ Die Grünen bietet sofort günstige Konditionen: Tesla soll ein rund 300 Hektar großes Waldgebiet in Grünheide für knapp 41 Millionen Euro erhalten. Ein Kaufpreis von 13,50 Euro pro Quadratmeter. Im angrenzenden Gewerbegebiet Freienbrink liegt der Richtwert bei 40 Euro. Die LINKE Brandenburg befürchtet, dass ein Pokerspiel stattfindet zwischen Tesla und der Landesregierung, bei dem am Ende die Menschen in Brandenburg verlieren könnten und schlägt vor, die Flächen nicht zu verkaufen, sondern über Erbpacht zu reden; ohne Baugenehmigung wurden bereits die Kiefern gerodet – die „Grüne Liga“ scheitert mit einer Klage. Für Tesla werden zackzack Tatsachen geschaffen – vielleicht auch ein Präzedenzfall. Grünen-Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker werfen sich genauso wie CDU-Wirtschaftsminister für diese „Zukunftsinvestition“ ins Zeug … sie sei „von großer Bedeutung für mehr Klimaschutz“.

 

Mit Elon Musk ökologisch wirtschaften?!

Es mutet absurd an, wenn „Gigafactories“ als Heilsbringer zur Versöhnung von Ökologie und Ökonomie gepriesen werden, obwohl die Wachstums“versprechen“ kapitalistischer Massenproduktion ihre Schattenseiten längst offenbaren. Lassen wir außeracht, dass Tesla-Chef Elon Musk eine Marktwirtschaft der speziellen Art praktiziert, die mit öffentlichen Förderungen und Vorauszahlungen der Kunden Profite generiert. Lassen wir außeracht, dass Tesla die weltgrößte Batteriefabrik in den Sand der Wüste Nevadas setzt und mehr Lithium-Ionen-Akkus produzieren will als alle anderen zusammen…. lassen wir außeracht, dass die dort angepeilten Produktionszahlen 126.000 Tonnen Graphit brauchen – was die Nachfrage nach Graphit in Batterie-tauglicher Qualität auf einen Schlag um 154 Prozent steigen ließe.

Lassen wir außerdem außeracht, dass entweder die Zahl der Pkw weiter steigt, oder die verkauften Tesla zu Lasten anderer Autohersteller und damit zu Lasten der Arbeitsplätze an anderen Produktionsstandorten gehen; und dass die IG Metall Gründe hat zur Befürchtung, dass Tesla Mitbestimmungsrechte umgeht und auf billige, willige Arbeitskräfte aus dem nahen Polen schielt. Lassen wir außerdem außeracht, dass das US-Wirtschaftsmagazin Forbes davon träumt, dass die Börsenkurse weiter explodieren, wenn die Google-Tochter Alphabet Tesla kauft und das Ganze mit 2,5 Billionen Dollar etwa so viel wert wäre wie Amazon und Apple plus ein halbes Microsoft zusammen (und fragen wir nicht, wem das nützt). Nehmen wir nur dieses in den Blick:

 

Kein Auto ist gut für Umwelt und Klima

Ein großer Teil der Umweltzerstörung durchs Auto liegt VOR dem ersten gefahrenen Kilometer. 1,3 Tonnen Metall und andere Rohstoffe stecken in einem Mittelklassewagen. Für viele dieser Rohstoffe bezahlen die Armen, die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Erzeugerländer mit der Zerstörung ihrer Umwelt, mit Kinderarbeit und Menschenleben. „Der Fluch der Rohstoffe“ bezieht sich nicht nur auf Erdöl. Er ist Ergebnis und Ausdruck tiefer sozialer Ungerechtigkeit, ohne die Autogesellschaft nicht machbar ist.
Powershift berichtete jüngst, dass für den Ausbau einer Bauxit-Mine in Guinea 80.000 Menschen werden umgesiedelt, verlieren fruchtbares Land und den Zugang zu Trinkwasser. Entschädigungen erhalten sie nicht. Die Bundesregierung gab eine Kreditbürgschaft dafür, obwohl sie um die Menschenrechtsverletzungen weiß; das Bauxit aus Guinea landet in Deutschland als Aluminium in Autos.

Im Jahr 2017 kamen 93 Prozent der deutschen Bauxitimporte aus Guinea.[i] Im Jahr 2017 veröffentlichte die Wirtschaftswoche eine eindrucksvolle Dokumentation unter der Überschrift „Für dein Auto“. Ein Team von Journalistinnen und Journalisten hat dort zusammengetragen, welche Verheerungen die Automobilproduktion für Menschen und Natur in verschiedenen Teilen der Welt bewirkt. Vertreibung und Zerstörung für Kupfer in Peru, vergiftete Flüsse für Eisenerz in Brasilien, Tote Arbeiter für Platin in Südafrika, schlimmste Kinderarbeit für Cobalt im Kongo, Krankheit und Siechtum für Grafit in China …[ii]

Ein VW-Golf hat heute 1,4 Tonnen Gewicht. Für seine Herstellung wurden 4 Tonnen Luft verschmutzt, 19 Tonnen Abraumgestein verursacht  und 232 Tonnen Wasser verbraucht. Das Tesla-Flagschiff S wiegt über 2 Tonnen. Über das neue Modell aus Brandenburg schreibt eine Fachzeitschrift: „Das Modell Long Range mit Allradantrieb und der Top-Reichweite von maximal 505 Kilometern (WLTP) zum Preis von 58.620 Euro ist zunächst der günstigste Einstieg in die deutsche Model-Y-Welt. In dieser Ausführung beschleunigt das Elektro-(„Mini“-)SUV innerhalb von 5,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und fährt maximal 217 km/h schnell“. Ein Leichtgewicht ist es nicht.

Und wie steht es um die CO2-Emissionen? Volkswagen gab vor Jahren in einer kleinen Grafik die Emissionen von E-Golf und klassischem Golf an. Dort ließ sich ablesen, dass der klassische Golf 1.6 vier Tonnen CO2-Äquivalente bei der Produktion emittierte. Der Verkehrsclub Österreich geht von 5,3 Tonnen aus, das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg von ähnlichen Werten. Beim E-Auto ohne Akku etwa 20 Prozent weniger. Gehen wir von durchschnittlich 4,5 Tonnen Vor-Emission pro Fahrzeug aus. (Die Energiewende macht jeden Produktionsschritt sauberer). Beim E-Auto ohne Akku sind es entsprechend 4 Tonnen, weil ein Teil des Innenlebens (Tank, Anlasser, Auspuff) wegfällt. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Berufspendler fährt knapp 10 Kilometer arbeitstäglich. Mit einem Diesel, der mit 7 Liter verbraucht und 16,5 kg CO2 pro 100 km ausstößt Berufspendlerinnen kommen dabei 4 Tonnen CO2 in 10 Jahren zusammen.
Oder: wenn Tesla 500.000 neue Autos pro Jahr produziert, bedeutet das 2 Millionen Tonnen CO2 … ganz egal was hinten rauskommt.

Was diese Firma herstellt, ist die dümmste und obszönste Variante der Elektromobilität. Einen Drei-Tonnen-Wagen zu bewegen, noch dazu mit extremen Beschleunigungswerten, das kann nicht ökologisch sein … das ist Energieverschwendung, das ist Ressourcenverschwendung, das ist Platzverschwendung, und das ist asozial.“[iii] Yes.

Emissionsfreie und klimagerechte Mobilität findet zu Fuß oder mit dem Fahrrad statt. Und dazu wäre der Ausbau von (O-)Bus und Bahn dran – als gerechte Elektromobilität. Viele Tausend sinnvolle Arbeitsplätze gibt es da allemal.