Sabine Leidig
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Redetext

Die documenta-fifteen ist nicht antisemitisch! Wir sollten die Perspektive des globalen Südens annehmen
21. Juni 2022

Es ist offensichtlich, dass faschistisch-gewalttätige Unterdrückung und Bedrohung von Armen, Arbeitenden, Aufbegehrenden das große Thema des Werkes ist – die 30-jährige blutige Diktatur in Indonesien wird kritisiert, die mit westlichen, imperialen Akteuren verbunden war. Ich war gestern (eher zufällig) am Friedrichsplatz Zeugin der Verdeckung des Kunstwerkes mit schwarzen Stoffbahnen, die von oben herabgerollt wurden. Eine Schar von Besucher*innen und Medienleuten stand zwischen den Pappfiguren und beobachtete. Zwei oder drei haben geklatscht, eine Frau mit einer kleine Israel-Fahne war von Fotografierenden umringt …. die meisten Anwesenden waren – wie ich auch – sehr beklommen. Ich sprach mit Umstehenden, die meine Empfindung teilten, dass hier mit einem großen eurozentristischen Hammer Künstler*innen be- und verurteilt werden, deren Perspektive eine andere ist, die nicht unsere historische Schuld tragen und deren Erzählung und Erfahrung in der öffentlichen Debatte offenbar keine Rolle zu spielen hat.
Taring Padi äußert sich dazu wie folgt:

„Die Banner-Installation People’s Justice (2002) ist Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt. Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z.B. für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren. Das Banner wurde erstmals 2002 auf dem South Australia Art Festival in Adelaide ausgestellt. Seitdem wurde das Banner an vielen verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Kontexten gezeigt, insbesondere bei gesellschaftspolitischen Veranstaltungen, darunter: Jakarta Street Art Festival (2004), die retrospektive Ausstellung von Taring Padi in Yogyakarta (2018) und die Polyphonic Southeast Asia Art Ausstellung in Nanjing, China (2019).
Taring Padi ist ein progressives Kollektiv, das sich für die Unterstützung und den Respekt von Vielfalt einsetzt. Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen. Die Figuren, Zeichen, Karikaturen und andere visuellen Vokabeln in den Werken sind kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen.
Die Ausstellung von People’s Justice auf dem Friedrichsplatz ist die erste Präsentation des Banners in einem europäischen und deutschen Kontext. Sie steht in keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung. Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck. Wir entschuldigen uns für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen. Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird. Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment. Wir hoffen, dass dieses Denkmal nun der Ausgangspunkt für einen neuen Dialog sein kann“.

Die größte antifaschistische Organisation in Deutschland teilt die Vorwürfe nicht – im Gegenteil …
Einer der Bundessprecher der VVN-BdA, Ulrich Schneider (Kassel) schreibt Folgendes:
1. Ich bin Historiker und einer der Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, einer deutschen Organisation, die im Sinne des politischen Vermächtnisses der Überlebenden der Konzentrationslager und Haftstätten seit über 75 Jahren gegen jegliche Form faschistischer Ideologie, gegen Rassismus und damit auch Antisemitismus öffentlich auftritt. Man kann also sicher sein, dass ich mich in keinen Zusammenhang mit Antisemiten begeben würde.
2. Die gegen das Künstlerkollektiv erhobenen „Antisemitismus“-Vorwürfe entbehren m.E. jeglicher Grundlage. Sie beruhen auf einer bewussten Fehlinterpretation und einer selektiven Wahrnehmung, die nicht vom Faktischen ausgeht, sondern von den Bildern im Kopf der Kritisierenden.
Wenn man das inkriminierte Bild betrachtet, kann mitnichten von einer „antisemitischen Bildersprache“ die Rede sein: Die kritisch hervorgehobene Figur mit Schweinegesicht und einem Helm, auf dem die Buchstaben Mossad zu lesen sind, ist Teil einer gleich gezeichneten ungefähr zwölf Personen umfassenden Gruppe, die eindeutig als ausführende Unterdrückungsorgane von Staaten zu erkennen sind. Niemand hat kritisiert, dass auf anderen Helmen die Kürzel „007“ (als Synonym für den britischen Geheimdienst), „KGB“ (als Synonym für den belorussischen Geheimdienst) und – scheinbar – „CIA“ (als synonym für den amerikanischen Geheimdienst) zu lesen sind. Die Aufschrift „Mossad“ für den israelischen Geheimdienst soll nun aber eine „antisemitische Bildersprache“ sein.

3. Damit zeigen diese Behauptungen deutlich, dass mit diesem Vorwurf pauschal jegliche Kritik an einer Institution des Staates Israel, die für die Durchsetzung staatlicher Interessen auch nichtgesetzeskonforme Maßnahmen einsetzt, als „Antisemitismus“ denunziert werden soll.
In Deutschland wäre das vergleichbar mit der Behauptung, dass eine Kritik am Verfassungsschutz wegen seines Umgangs mit dem NSU-Terror als „verfassungsfeindlich“ zu bezeichnen sei.
4. Daher sehe ich in der Entscheidung der Aufsichtsgremien und der documenta gGmbH, die von ruangrupa und Taring Padi akzeptiert werden musste, das kritisierte Bild auf dem Friedrichsplatz zu verhüllen, einen politischen Fehler und einen Eingriff in die Freiheit der Kunst. Da jetzt kein Besucher mehr in der Lage ist, sich selbst von der Haltlosigkeit der Vorwürfe auf diesem Bild zu überzeugen, bleibt der Makel des Antisemitismus an dem Künstlerkollektiv, das sich insbesondere wegen seiner sozialen, politischen und antikolonialen Perspektive ausgezeichnet hat, kleben. Und das ist m.E. eine nicht akzeptable Vorverurteilung.

Mir gehen noch weitere Widersprüche durch den Kopf:
Erstens: wird den Jüdinnen und Juden nicht ein „Bärendienst“ erwiesen, wenn schon die Kritik am israelischen Geheimdienst als „antisemitisch“ gelabelt werden kann? Die allermeisten Menschen jüdischen Glaubens und die allermeisten Bürger*innen Israels sind doch damit gar nicht identifiziert und viele haben ebenfalls Kritik an Mossad oder anderen Staatsorganen. Zweitens: wird nicht mit dem lauten Antisemitismusvorwurf an das Taring Pati Kollektiv, die Frage übertönt, warum der deutsche Staat und „Der Westen“ mit Waffenlieferungen und Wirtschaftshilfen den indonesischen Diktator Suharto massiv gestützt hat (der langjährige Bundeskanzler Helmut Kohl war dabei ein wichtiger Partner). Drittens: wird mit dem großen Dauerthema „Antisemitismus auf der documenta-fifteen“ nicht – bewusst oder unbewusst – davon abgelenkt, dass hier in Kassel die ganze Wucht der Perspektive des globalen Südens zum Ausdruck kommt. In der „Botschaft der Indigenen“ nebenan wird gezeigt, wie Behausungen zerstört, Land geraubt und Wälder gerodet werden … für Soja-Anbau, Rinderzucht, Hamburger, Zertifizietung für klimafreundliches Flugreisen, usw. In der Aue große Stapel Wohlstandsmüll, mit dem sich vor allem die Armen dieser Welt herumschlagen*. Die imperiale Lebensweise unabweisbar in Kunstwerken sinnlich, sichtbar und erlebbar gemacht. Nur zwei Beispiele die ich gestern Abend im Vorbeigehen sah. Viertens: mit einer Diskussion auf Augenhöhe wäre sicher mehr gewonnen – für alle Beteiligten. Und vielleicht hätten sich Taring Padi entschieden die Figur, die wohl das Kapital hinter faschistischen Herrschern darstellen soll, umzugestalten, so dass sie nicht Attribute eines orthodoxen Juden trägt und damit wirklich antisemitische Bilder kopiert.

Noch sind viele Wochen documenta-fifteen in Kassel zu sehen und zu fühlen. Kommt, schaut, lernt, redet und lasst euch inspirieren: documenta-Künstler*innen Ich werde jedenfalls noch viele Gelegenheiten nutzen bis zum 25.September.

* Zum Müllgeschäft eine spannende aktuelle ARD-Dokumentation: Die Recycling-Lüge