Kaffeetafel an der B62
Zum Kaffee bin ich im Rahmen meiner Sommertour nach Leimbach bei Bad Salzungen eingeladen. Zwei Busse täglich verkehren von Bad Hersfeld, wo mich Betriebsräte über die Arbeitsverhältnisse informiert haben über Leimbach nach Bad Salzungen. Die Busse würden mich aber erst zur Abendbrotzeit mit fast 2 Stunden Fahrzeit für die knapp 40 Kilometer dorthin bringen können. Im ländlichen Raum sind die Menschen ohne PKW hilflos. Hinzu kommt die unsichtbare Grenze zwischen Hessen und Thüringen. Wenige Nahverkehrsmittel wagen offenbar den »Grenzübertritt«.
Es bleibt also nur, uns mit dem Auto auf die B62 zu begeben. Gleich in Philippsthal der erste Halt, eine rote Baustellenampel bremst die Fahrt. Hier wird an der Zufahrt zum werkseigenen Containerbahnhof der K+S AG gebaut. In einem festen Fahrplan werden Züge mit dem hier gewonnen Rohstoff Kali an die Häfen transportieren, »Baltic Train« nennt sich diese Verbindung der Transportgesellschaft des Kali Konzerns. Für die Umbauten auf der Bundesstraße in diesem Bereich stehen 2,5 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung. Zwei weitere Baustellenampeln auf der Strecke bringen unseren Zeitplan durcheinander und wir brausen mit Maximalgeschwindigkeit nach Leimbach, Gasthaus »Weißes Roß«.
Hier werden wir an einer langen gedeckten Kaffeetafel direkt an der Bundesstraße schon erwartet. Der halbe Ort scheint anwesend zu sein. Die Menschen leben seit über 20 Jahren mit dem unsagbaren Lärm der 24 000 Autos, die täglich auf der B62 verkehren. Sie brauchen eine Ortsumgehung, dies wollen sie mir deutlich machen. Und das ist ihnen auf anschauliche Weise gelungen: Kaum ein Wort ist zu verstehen, weder vom Bürgermeister, den Mitgliedern der Bürgerinitiative noch von Landtagsmitglied Frank Kuschel.
Ein scheinbar lebensmüder, alter grauer Hund betritt die Fahrbahn und kommt gelassen zu uns auf die andere Straßenseite. Er muss Erfahrung haben, wie er trotz der lebensbedrohlich vorbeirauschenden Wagen die Straße überqueren kann. Die Wurstbrote haben wohl zu verlockend geduftet. Wir erkennen die Gefährdung für Kinder und Senioren. Für sie ist das nicht abreißende Band der Autokolonnen eine fast unüberwindliche Grenze innerhalb des Ortes.

Im Garten vom »Weißen Roß« in Leimbach. Der Landtagsabgeordnete Frank Kuschel, die Anlieger der B62 und ich beratschlagen über Alternativen in der Verkehrspolitik.
Damit wir in Ruhe die Thematik besprechen können wechseln wir in den Garten des »Weißen Roß« . Hier wird das Gespräch gleich lebhafter und hier kann ich meine Sicht auf eine andere Verkehrspolitik darstellen: Im Wissen um die Endlichkeit des Rohstoffs Erdöl ist ein Umdenken hin zu Solidarischer Mobilität notwendig. Es muss Schluss sein mit der Ausrichtung auf den Neubau von Fernstraßen wie auch die B87n, die das Biosphärenreservat Rhön durchschneiden wird. Solche Neubauten bringen die Blechlawinen bis in die entlegensten Winkel. Ausgebaut werden müssen die öffentlichen Verkehrsmittel wie Busse und Bahn, vor allem auch in der Fläche, im ländlichen Raum. Wir brauchen wohnortnahe Arbeitsplätze und die Güter müssen zurück auf die Bahn. Nur die Hinwendung auf eine solche Verkehrspolitik verschafft auch den Menschen an den Bundesstraßen Lebensqualität.
Statt aufwendiger Neuplanungen von Bundesstraßen und Autobahnen ist es vorrangig, den berechtigten Interessen der Anlieger von bestehenden Fernstraßen nach Ortsumgehungen zu entsprechen.
Einstweilen wären allerdings dringend Sofortmaßnahmen nötig, weil die gerade Stecke durch den Ort von Rasern missbraucht und für Überholmanöver ausgenutzt wird.
Außerdem wurden täglich 20.000 LKWs gezählt, von denen mindestens ein Viertel eindeutig als die naheliegende Autobahn umfahren, um der Maut zu entgehen.
Also: Zebrastreifen, Geschwindigkeitskontrollen und Strafen für Mautflüchtlinge, würden zumindest etwas Erleichterung bringen. Aber die verweigert die Thüringer Landesregierung, mit dem zynischen Verweis, dass der Verkehrsfluss nicht behindert werden soll, weil er der Wirtschaft nütze.