Sabine Leidig
 
Überall auf den Plätzen Europas - ausgehend von der Puerta del Sol in Madrid- treffen sich die "Empörten". Sie greifen den Aufruf des greisen Stéphane Hessel auf, der den Menschen aufgrund seiner Erfahrungen mit dem deutschen Faschismus Mut macht, gegen unmenschliche Zustände aufzustehen. Selten hat ein Büchlein mehr Menschen bewegt.
In Deutschland hat die Bewegung noch kaum Fuss gefasst. Ein Grund für die Fuldaer attac Gruppe einen überaus geeigneten Platz in Fulda ausfindig zu machen. Für immerhin einen Nachmittag werden hier an dem Brunnen mit seinen 80 Sitzplätzen die Menschen zusammenkommen und debattieren. Ich bin eingeladen und gespannt, was sich ergibt!
Als ich vom Bahnhof auf den Brunnen auf dem Vorplatz zusteuere hat die Fuldaer attac Gruppe den Brunnen bereits in Besitz genommen: Die Steinbänke sind frisch gewischt, der Platz ist gefegt, Besen und Eimer mit Unrat stehen um die Ecke.
Neben einem Infostand hängt das bekannte attac Transparent: "Die Welt ist keine Ware".
Die Aktivisten sind beschäftigt: eine Stellwand wird aufgebaut, Karten und Stifte verteilt, der Soundcheck des Megaphons findet statt. Ich bin gleich mittendrin. Sofort komme ich ins Gespräch mit Jugendlichen, die sonst den Brunnen als Treffpunkt nutzen. Sie wundern sich, über das, was hier heute vonstatten geht!
Moni und Martin sowie ein neues attac Mitglied verteilen auf dem Bahnhofsvorplatz die restlichen flyer für die Bürgerdebatte. Sie sprechen die Menschen an: "Was empört Sie?" Auf die Antworten müssen sie nicht lange warten. Fast jeder Angesprochene hat ein Thema, das ihn besonders berührt: Der Hunger und das Elend auf der einen Seite und die davon profitieren auf der anderen, die Dumpinglöhne und die Schraube nach unten. Auch die Ignoranz von Politikern und Parteien wird oft genannt. Die attacies schicken die Leute zu mir, dort am Brunnen sitzt eine Bundestagsabgeordnete!
Und die Menschen kommen tatsächlich zu mir an die Steintreppen am Brunnen.
Ein Mann erzählt, er habe schon viele Bundestagsabgeordnete angeschrieben, aber keiner habe bislang reagiert. Er interessiert sich für Wasserstoffautos, weiß wo sie hergestellt werden und wie damit experimentiert wird. Er kann überhaupt nicht verstehen, dass sich niemand davon wissen will, es kann doch nicht so weitergehen mit der Klimakatastrophe und dem Co2-Ausstoss!
Ich höre zu!
Dann erzähle ich von der Enquette-Kommission des Deutschen Bundestages, bei der es um Zukunftsvisionen geht. Da mache ich mit und ich finde seine Begeisterung spannend. Wir reden über den Lobbyismus der Öl- und Autoindustrie und verabreden uns weiter in Kontakt zu bleiben..
Das Mikro wird in Gang gesetzt und die Veranstaltung offiziell eröffnet. Wir erfahren, dass allein die Anmeldung dieser Debatte hier an diesem Ort schon einiges in der kleinen Stadt bewirkt habe. Zum ersten Mal habe man schriftlich, dass die Videoüberwachungskamera des Bahnhofsvorplatzes zu der angemeldeten Kundgebung ausgeschaltet werden soll. Wir erobern uns den öffentlichen Raum! Die Inanspruchnahme demokratischer Rechte darf nicht bespitzelt werden!
Karten und Stifte werden verteilt, die Menschen schreiben Stichpunkte auf die Karten, was sie empört. Eine wildfremde Bundestagsabgeordnete ansprechen oder gar das erste Mal ins Mikrofon reden ist nicht jedermanns Sache, und auch Frauen beäugen das Mikro kritisch.
Wir pinnen die Stichpunkte an die Wand:
Was uns empört:
  • Profitwahn
  • Lohndumping
  • Hartz 4
  • Rente mit 67
  • weiterlaufende Atomkraftwerke
  • Leiharbeit

die Liste wurde immer länger...
Die einzelnen Stichpunktkarten werden verlesen und angepinnt.
Lokale Experten zu den Themen schnappen sich das Mikro und trauen sich Näheres zu ihren oder anderen Karten zu erzählen. Da ist das Mitglied einer Erwerbsloseninitiative, der von der Schikane beim "Amt" erzählt. Mehr Bürgerbeteiligung und Bürgerentscheide werden von Bernd gefordert, er hat sich gut damit beschäftigt und kennt sich prächtig aus. Die Kreisvorsitzende der LINKEN nimmt auch das Mikrophon und erzählt von den Sanktionen, die das Amt für "Arbeit und Soziales" leichtfertig verhängt.
Immer mehr trauen sich das Mikrophon zu ergreifen. Und natürlich werde ich als Politikerin angesprochen auf die Käuflichkeit und Ignoranz unserer Zunft. Richtig so!
Schnell vergeht die Zeit, wer will kann noch mit rüber kommen zur Indoor Veranstaltung, ganz konventionell mit Beamer, Vortrag und Diskussion. Der örtliche Rosa-Luxemburg-Club hat eingeladen zum Thema Eurokrise. Einige nehmen das Angebot an und wir verschlingen eilig noch leckere Flammkuchen mit Aubergine bevor es weitergeht.
Die Linke
Attac

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Für ein solidarisches Europa

Seite zuletzt geändert am 26.08.2011 um 15:18 Uhr

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