3. Februar 2011: Melsungen im Schwalm-Eder Kreis
Ein Bahnhof wacht auf!
Am Bahnhof des nordhessischen Städtchens Melsungen steige ich aus der Bahn, die im Nahverkehr die Städte Fulda und Kassel verbindet. In der Bahn gibt es keine Zugbegleiter, aber Videoüberwachung und einen defekten Fahrkartenautomaten.
Es erwartet mich der Kreisvorsitzende DIE LINKE Jochen Böhme-Gingold. Er zeigt mir die Umbaumaßnahmen am Bahnhof: Rampen, die einen barrierefreien Zugang zu den Bahnsteigen ermöglichen, Verlegung des Busbahnhofs Richtung Bahnhof, Park and Ride Parkplätze und spricht über die neue städtische Nutzung des Bahnhofsgebäudes mit Volkshochschule und Jugendräumen. In der Schalterhalle befindet sich tatsächlich ein geöffneter Fahrkartenschalter mit umfangreichem Sortiment, das sogar frischen Kaffee umfasst.
So muss es sein, eigentlich ist ein lebendiger, nutzbarer Bahnhof Aufgabe der Bahn AG. Die aber zieht sich mit ihren Investitionen immer mehr aus dem Nahverkehr zurück.
Vorbei an Häusern in Ständerbauweise mit Stichsägeornamenten, wie sie oft an Bahnhöfen der Blütezeit des Bahnwesens um 1900 zu finden waren, kommen wir zur Melsunger Altstadt. Die "Bartenwetzer Brücke" führt über die Fulda hinüber zu deren verwinkelten Straßen, Gassen und Plätzen.
Im früheren Zeiten lebten die Melsunger vom Holzeinschlag, sie zogen morgens mit ihren Äxten (mittelhochdeutsch: Barten) in die Wälder und wetzten an der steinernen 1595 erbauten Brücke ihre Barten. Noch heute sind die Einkerbungen an der Brücke zu sehen, noch heute werden die Melsunger als "Bartenwetzer" bezeichnet. Die Brücke gilt als eine der schönsten Hessens.
Das eingeschlagene Holz wurde in der Fulda flußabwärts transportiert, geflößt. Mit dem Aufkommen der Eisenbahnen verlagerte sich der Holztransport auf die Schiene.
Hier an der Bartenwetzerbrücke entsteht nun - keine 800 Meter vom neu hergerichteten Bahnhof entfernt - ein weiterer Haltepunkt für die Regionalbahn.
Die Haltestelle soll Touristen direkt von der Bahn in die Altstadt locken. "Man meint, Leute aus Kassel zum Weihnachtsmarkt nach Melsungen zu bewegen", schmunzelt mein Begleiter. Es ist schon unverständlich hier in Melsungen zwei Bahnhalte zu haben und in zahlreichen Gemeinden an der Strecke gar keine. Übrigens stammt der hessische Verkehrsminister Posch aus Melsungen...