Sabine Leidig
 

Bad Salzungen abgehängt?

Einige Aspekte des Öffentlichen Personen Nahverkehrs und des Niedergangs der Bahn in der Fläche lerne ich in der Kurstadt Bad Salzungen kennen. Mit der Zerschlagung der thüringischen Kaliindustrie findet seit 1999 kaum noch Güterverkehr mehr an dem einstigen Güterumschlagzentrum statt. Im nahen hessischen Philippsthal wurden mehrere Millionen Euro öffentliche Mittel in die Errichtung eines werkseigenen Containerbahnhofs der K+S AG gesteckt.
Hoch wächst heute das Unkraut zwischen unbenutzten Gleisen im Bahnhof Bad Salzungen. Die Nahverkehrszüge der Süd-Thüringen-Bahn Linie 1 aus Eisenach und Sonneberg kommen auf dem Gleis 4 des Bahnhofs an. Viele Stufen führen den Kurgast in eine schmuddelige Unterführung und eben so viele Treppenstufen haben die Kurgäste mit ihrem Gepäck wieder zu erklimmen. Die Einheimischen meiden diese Unterführung und nutzen den »Postweg«, einen betonierten Pfad über die Gleise, auf dem früher die Postwagen von der Waggonentladung in die Güterhallen gebracht wurden.
Das Bahnhofsgebäude, in der um die Jahrhundertwende üblichen Ständerbauweise ist heruntergekommen. An der historischen Fassade prangt ein unpassendes Leuchtreklameschild mit der Aufschrift »Service Store«. An Service ist hier allerdings nicht mehr viel zu erwarten, im letzten Jahr hat die Bahn nach einem Wasserschaden durch das marode Dach, den großartig eröffneten »Service Store« und die Bahnhofshalle geschlossen. Fahrkarten werden in den Zügen und am nahegelegenen Busbahnhof verkauft.
Die Deutsche Bahn legt keinen Wert mehr auf das Gebäude und hat es vor kurzem an die Stadt Bad Salzungen verkauft.
Auch die Nebengebäude wirken ziemlich heruntergekommen. Eine verlassene Stückguthalle neben schulterhoch wucherndem Unkraut bildet das Entré der Kurstadt. Der einst prächtige Wasserturm aus rotem Ziegel erinnert an die Zeiten der alten Dampfloks. Noch ist er erhalten.
Hier warten die Bürger von »Kein Weg zum Bahnsteig 4« auf mich. Angelo Schromm, der Sprecher der Bürgerinitiative übergibt mir gleich zu Beginn Gespräches eine CD mit allen bisherigen Aktivitäten und dem Briefwechsel mit der DB Netz AG, der Eigentümerin der Anlage.
Der gehbehinderte Mann hat mit seinem Krankenfahrstuhl keine Möglichkeit zum Zug zu kommen. Die Unterführung zum Gleis 4 ist für ihn eine Barriere. Rampen oder Aufzüge um die Treppen zu überwinden gibt es nicht. Aber auch Menschen mit Kinderwagen, Einkaufstrollies, Fahrrädern oder schwerem Gepäck wird der Zugang zum Bahnsteig verwehrt. Noch während er erzählt und berichtet kommt ein Radfahrer, der mit seinem Fahrrad den Zug nutzen will. Er schiebt sein Rad zum alten »Postweg«, der die Gleise und das Schotterbett überbrückt. Er schaut rechts und links, wundert sich etwas über die Menschenansammlung und geht gemächlich hinüber zum Bahnsteig. Dies ist keine Inzenierung der Bürgerinitiative, denn als der Zug dann ankommt und die Fahrgäste den Zug verlassen, nehmen alle ganz selbstverständlich den Postweg.
Doch diese Überquerung ist verboten. Herr Schromm erzählt, wie manchmal Beamte des BGS »auf der Lauer« hinter dem Schuppen stehen und den Fahrgästen 40 Euro für diese Ordnungswidrigkeit abnehmen. Er ist empört, »dafür hat man Geld, die Beamten hierher zu stellen und uns Behinderten die einzige Möglichkeit nehmen wollen, den Zug zu benutzen«, schimpft er.
Ich versteh seine Wut, wird ihm doch ein Grundrecht auf barrierefreien Zugang zu einem öffentlichen Verkehrsmittel versagt.
Auch die Genossen aus Bad Salzungen, der Landtagsabgeordnete Frank Kuschel (Die LINKE), der zweite Beigeordnete der Kurstadt, Ralf Tonndorf (Die LINKE) und der Bürgermeister Klaus Bohl (parteilos) sind zu unserem Besichtigungstermin gekommen. Im gemeinsamen Gespräch berichtet Bürgermeister Bohl von den jahrelangen zähen Verhandlungen mit der Bahn und er bedauert, dass die Deutsche Bahn AG den Betroffenen und der Stadt bei der Lösung des Problems nur Steine in den Weg legen würde. Das Hauptargument der Bahn sei, man müsse erst die Bahnhöfe in Angriff nehmen, bei denen die Fahrgastzahlen höher seien.
Keine vier Tage ist es her, dass ich in Stuttgart vor über 30 000 Menschen gesprochen habe, die sich einig sind, dass sie ihren Bahnhof behalten wollen und die überdimensionierten Planungen der Geldherren weder wollen noch brauchen. Milliarden teure Bauprojekte sollen den Stuttgartern aufgedrängt werden.
Es sind nicht die gigantischen Projekte, die die Menschen brauchen. Auch in Bad Salzungen gibt es unkomplizierte schnelle, kostengünstige und sichere Lösungen: Warum nicht einfach den "Postwägelchenweg" erneuern und mit einer »Anrufschranke« versehen? Die Schranke wird vom Stellwerk geöffnet und vor der Zugeinfahrt verschlossen.
Denn gebraucht wird dieser Zugang sowieso: Es ist die einzige Möglichkeit für Rettungsdienste wie Rotes Kreuz, Feuerwehr und THW zum Bahnsteig zu kommen.
Auch der Bürgermeister meint: »Das ist keine perfekte Lösung, aber besser, als gar keine«
Die Bahn ist durch die Bildung zur Aktiengesellschaft der parlamentarischen Kontrolle entzogen worden. Dennoch werde ich mich als Verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag mit dem Bahnbeauftragten Herrn Alexander Kaczmarek in Verbindung setzen. Aber ohne die couragierten Bürger mahlen die Mühlen des Konzerns langsam. Wir alle können von den aufmüpfigen Stuttgartern und ihren Kampf um ihren Bahnhof lernen »Oben bleiben - und nicht duckmäusern!«
Auch so kann der Eingang zu einer Stadt gestaltet sein: Zugang zu den Gleisen in der Festspielstadt Bad Hersfeld mit Stufen und Aufzügen
Die Linke
Attac

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Seite zuletzt geändert am 23.02.2011 um 14:40 Uhr

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