5. September 2009
Podiumsdiskussion der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen
Die kassenärztliche Vereinigung lädt an drei Orten in Hessen (Kassel, Wetzlar, Frankfurt) zur Diskussion mit BundestagskandidatInnen. In der Anfrage wird von »600 BesucherInnen« gesprochen und das Thema »Was ist uns Gesundheit Wert?« genannt. Prima dachte ich, das könnte unter dem Motto »Gesundheit ist keine Ware« spannend werden - aber es kam anders...
In der Anfrage war noch von »600 BesucherInnen« gesprochen und das Thema »Was ist uns Gesundheit Wert?« genannt. Schon die nachfolgende konkrete Einladung mit Tagesordnung mach mich stutzig: Da wir ein Verteilungskonflikt/Missverhältnis zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern konstruiert (»nur 15% der Gesamtausgaben der Krankenkassen gehen an die ambulante Versorgung, 35% dagegen an die stationäre ... Wie würden sie das in Zukunft besser regeln?) und es ist nur noch von 300 erwarteten BesucherInnen die Rede. Tatsächlich sind dann nur 70 ZuhörerInnen anwesend und einige sind vor allem daran interessiert, ihrem Ärger über die Zentralisierung der KVV-Geschäftsstellen (weg Nordhessen) Ausdruck zu verleihen.
Ich finde es schade, dass keine konstruktive Debatte über das Problem möglich ist, das aus meiner Sicht sowohl ÄrztInnen, als auch PatientInnen ganz grundsätzlich belastet: die zunehmende Vermarktlichung im Gesundheitswesen. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) spricht mit glänzenden Augen vom »Gesundheitsmarkt« als Wachsumsbranche.
Aber: Gesundheit ist kein Ware, die verkauft oder gekauft werden kann. In Wirklichkeit geht es darum, Krankheiten zu behandeln oder zu verhüten. Wer krank ist braucht Zuwendung, Fürsorge und medizinische Versorgung mit den bestmöglichen Mitteln. Patienten brauchen ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt und kostenlose Behandlung.
Tatsächlich sehen sich aber selbst ÄrztInnen, die aufrichtig diesem Leitbild und ihrem Berufsethos folgen, zu einer »Abrechnungspraxis« gezwungen, die dem entgegen steht. Vor allem die aus der sog. sprechende Medizin (Hausärzte, Psychotherapeutinnen...) haben oft Schwierigkeiten, neben ihrem Einkommen die Kosten für die Praxisräume, für HelferInnen und Material zu erwirtschaften. So werden Privatpatienten, für die höhere Gebührensätze gezahlt werden und solche Leistungen, die jede/r selbst zahlen muss, zu unverzichtbaren Einnahmequellen. Und so lange Fachärzte für jede Spezialuntersuchung honoriert werden, sind sie kaum daran interessiert, mit Kliniken zu kooperieren, die ohnehin über die teuren Apparate verfügen. Arztpraxen werden mehr und mehr zu Gesundheitsunternehmen und nach den lukrativen Versorgungszentren greifen längst auch die privaten Krankenhauskonzerne, die sich auch im Bereich der ambulanten Versorgung »Marktanteile« sichern wollen.
Ein Vorschlag, mit dem MedizinerInnen und Patienten aus der »Rentabilitätsfalle« herauskämen, geht so: Jeder Arzt, jede Ärztin erhält ein monatliches Pauschalhonorar von 7.000 EUR als individuelles Einkommen. Das entspricht etwa dem heutigen Durchschnitt. Zusätzlich gibt es 3.000 EUR für besondere Anforderungen - z.B. für Landärzte, die viele Hausbesuche machen und oft auch am Wochenende oder abends bei den Kranken sind. Die Kosten für die Praxisräume, für die nötigen Geräte und Ausstattung und für die Arzthelferinnen, werden von den Krankenkassen ersetzt. Die Geldsumme, die dafür nötig wäre, entspricht dem, was auch derzeit schon für die vertragsärztliche Vergütung aufgewendet wird: etwa 30.Milliarden Euro.
Die Reaktion auf diese Idee war in der Versammlung der KVV so stark (Erstaunen, Lachen und Interesse), dass der stellvertretende Vorsitzende der KVV Hessen, Herr Zimmermann sich sogar zu der Bemerkung hinreißen ließ, dass er sich ernsthaft überlege, dieses mal die LINKE zu wählen (was selbstverständlich nicht ernst gemeint war)...
Mich hat eigentlich nur gewundert, dass die Vertretung der KassenärztInnen nicht selbst einen solchen Vorschlag entwickelt und offensiv in die Diskussion einbringt, anstatt immer wieder über die komplexen und ungerechten Vorschriften zur Vergütung ärztlicher Leistungen zu lamentieren.