LunaLuna - der Mond inspiriert zum Träumen und zu naturwissenschaftlicher Betrachtung...Beitrag für die Zeitschrift »Lunapark21«, September 09 von Sabine Leidig Mein Traum sind solche gesellschaftlichen Verhältnisse, die es jedem Menschen erlauben, ohne materielle Not und im Einklang mit der Natur seine Fähigkeiten zu entfalten; in denen "... die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller" (1) ist. Solche Vorstellungen sind keine "linke Spinnerei", sondern sie entspringen dem menschlichen Wesen. Die Erkenntnisse aus den modernen Humanwissenschaften - Gehirnforschung, Epigenetik, Anthropologie - laufen darauf zu. So gehen die Forscher davon aus, dass erst die Vorfahren der Menschen ein soziales Bewusstsein entwickelt haben: Sie begannen vor rund 50.000 Jahren, sich um kranke oder behinderte Stammesmitglieder zu kümmern. Affen dagegen, das scheint gesichert, verfügen nicht über derartige Fähigkeiten. Die Primaten sterben, nachdem sie ihre Zähne verlieren. Eine Erklärung für die Entwicklung eines sozialen Bewusstseins liefert die Entdeckung der Spiegelneurone. Sie sind verantwortlich dafür, dass Menschen sich spontan verstehen, fühlen, was andere fühlen und sich intuitiv eine Vorstellung davon machen, was andere in etwa denken. Sie melden uns, was Menschen in unserer Nähe fühlen, und lassen uns deren Freude oder Schmerz mitempfinden. Spiegel-Nervenzellen sind die neurobiologische Grundlage emotionaler Intelligenz, von Empathie, Sympathie und sie verleihen uns die Fähigkeit, zu lieben. Dies wiederum ist von zentraler Bedeutung für die Aufnahme und Weitergabe von Wissen, für das "Lernen am Modell". Spiegelneurone sind auf diese Weise das Medium, mit dem Wissensbestände auch über die Generationen hinweg weitergegeben werden - eine Art "Gedächtnis der Menschheit". Was wir erleben, was uns von anderen widerfährt, beeinflusst und verändert uns. Wir verändern uns im Antlitz des anderen. Eine wunderbare Fähigkeit einerseits, die aber eine Kehrseite hat: die Anpassung, den Konformismus. Weil wir erspüren, was in unserem gesellschaftlichen Umfeld gewünscht wird, weil wir auf Resonanz und Gleichklang "gepolt" sind, ist es so schwer, gegen den Strom zu schwimmen. Kurt Tucholsky hat es in den 1930er Jahren so ausgedrückt: "Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein." Wir wollen "erkannt" werden. In der internationalen Hirnforschung erhärtet sich zunehmend die Erkenntnis: Wir sind nicht vor allem auf Egoismus und Konkurrenz eingestellt, sondern auf Kooperation und Resonanz. Das Gehirn belohnt gelungenes Miteinander durch Ausschüttung von Botenstoffen ("Glückshormone"), die gute Gefühle und Gesundheit erzeugen. Was uns im Kern motiviert (also handeln lässt) ist, zwischenmenschliche Zuwendung, Wertschätzung und erst recht Liebe zu finden und zu geben. Was wir im Alltag tun, wird meist direkt oder indirekt dadurch bestimmt, dass wir sozialen Kontakt gewinnen oder erhalten wollen. Bei dauerhaft gestörten Beziehungen oder dem Verlust von Bindungen kann es zu einem "Absturz" der sogenannten Motivationssysteme kommen. Und erst dann setzen Aggressionen ein. Darwin ist tot. Und zwar nicht nur körperlich seit 200 Jahren, sondern mittlerweile werden wesentliche Säulen seiner Lehre geschleift. Nachdem das Erbgut des Menschen und anderer Spezies vollständig entschlüsselt werden konnte, vollzieht sich in der Biologie eine Revolution des Denkens. Lange gepflegte darwinistische Dogmen erweisen sich als unhaltbar. Die Vorstellung vom "egoistischen Gen» oder dem immerwährenden Kampf der Lebewesen, in dem jeweils die Stärkeren überleben ist längst nicht mehr haltbar; genauso wenig das Modell, nach dem sich die Evolution aus einer Reihe zufälliger Mutationen ergibt: "Organismen und ihre Gene sind keine steuerlos auf dem Fluss der Erdgeschichte treibende Objekte, sondern kreative und kooperierende Akteure der Evolution, die auf ökologische Herausforderungen nach eigenen, in ihnen selbst angelegten Entwicklungsprinzipien reagieren können." (2) "Der Mensch wär´ gut, anstatt so roh, doch die Verhältnisse, die sind nicht so." (3) Tatsächlich prägen die sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur das unmittelbare Denken, Empfinden und Verhalten der jeweils Betroffen. Eine neue Disziplin, die "Epigenetik", räumt sogar mit den alten Vorstellungen auf, dass die Gene festgelegt und unsere Erbanlagen starr sind. Es ist inzwischen erwiesen, dass der Lebensstil, etwa die Ernährung, entscheidenden Einfluss darauf hat, welche Gene "an-" oder "abgeschaltet" werden. Die neuen Entdeckungen stellen infrage, was gemeinhin angenommen wird: Dass die Gene unser Aussehen, unsere Persönlichkeit und unsere Krankheitsrisiken bestimmen. Selbst wenn Menschen exakt über die gleichen Gene verfügen, unterscheiden sie sich häufig in den Mustern der Genaktivität und damit auch in ihren Eigenschaften. Diese Ergebnisse bieten erstmals eine Erklärung für die Mechanismen, mit denen Umweltfaktoren auch komplexe Verhaltensweisen verändern. Sie zeigen einerseits, dass das Epigenom von Säugetieren nicht nur in der Entwicklungsphase, sondern auch noch in höherem Alter formbar ist. Und darüber hinaus beschreiben sie, wie die Umweltbedingungen der heute Lebenden Einfluss auf die Nachkommen haben. Michael Meaney, Psychologe an der kanadischen McGill University, gibt zu bedenken, dass die frühe Eltern-Kind-Bindung durch Armut, ein Leben in zerrütteten Verhältnissen oder Dauerstreit beeinträchtigt wird. Das wiederum hemmt, wie man ohnehin weiß, die kognitive Entwicklung der betroffenen Kinder. Aber womöglich wirken sich die negativen Faktoren über epigenetische Prozesse auch auf künftige Generationen aus. Die Abhängigkeiten zwischen den sozial-ökonomischen Bedingungen und der kindlichen Hirnentwicklung seien womöglich ziemlich eng. Lawrence Harper, Psychologe an der University of California, vertritt die These, dass unser epigenetisches Erbe eine Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen - darunter Temperament und Intelligenz - beeinflusst. Deshalb dauere es vermutlich mehrere Generationen, um in einer Bevölkerung die Folgen wieder wettzumachen, die Armut, Krieg und Vertreibung im epigenetischen Code hinterließen. Es geht um die Menschheit. Wenn wir uns also gegen erniedrigende Verhältnisse wehren, wenn wir Krieg und Gewalt bekämpfen, wenn wir gegen den krankhaften Irrsinn des Turbokapitalismus angehen und dem neoliberalen Prinzip der egoistischen Konkurrenz widerstehen, wenn wir die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen überwinden wollen, dann sind wir mit unseren Zielen auf der Höhe der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Solidarität, gleichberechtigte Kooperation, gute Arbeit, Selbstbestimmung, soziale Sicherheit, Frieden und allgemeiner Wohlstand weltweit wären die besten Voraussetzungen für die gute Weiterentwicklung der Menschheit. "Träumen wir also. Aber unter der Bedingung, ernsthaft an unseren Traum zu glauben, die wirklichen Verhältnisse auf das Genaueste zu untersuchen und unseren Traum gewissenhaft zu verwirklichen".(4) (1) Karl Marx im "Kommunistischen Manifest" (2) Joachim Bauer: Das kooperative Gen - Abschied vom Darwinismus, Hoffmann und Campe, Hamburg (3) Bertolt Brecht in der "Dreigroschenoper" (4) Wladimir I. Lenin (Quelle unbekannt) Lesetipps: Joachim Bauer: "Warum ich fühle, was du fühlst", Heyne Verlag, München und "Prinzip Menschlichkeit", Hoffmann und Campe, Hamburg | |||
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