Sabine Leidig
 

Antifaschistisches Erbe und Globalisierungskritik

1. Traditionen im Umbruch
Die Verbindung zwischen dem  antifaschistischen Widerstand in den 1930»er und 40»er Jahren und der heutigen globalisierungskritischen Bewegung erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wurde doch in den eigenen und fremden Zuschreibungen zu oft nur das Neue betont und der Bruch mit alten, »traditionalistischen« Politikformen hervorgehoben.
Wenn wir aber die Bewegung in Westeuropa genauer betrachten, sind einige starke Quellen erkennbar, aus denen sie sich speist: Es sind insbesondere die Arbeiter- und Friedensbewegung, die  antiautoritäre Kritik der »Achtundsechziger«, und die neuen sozialen Bewegungen der 1980er Jahre (Ökologie, 3.Welt-Solidarität) aber auch die christliche Sozialethik.
Im Kern greift die Bewegung der »Altermondialisten«  auf die Tradition der Aufklärung und auf die Geschichte emanzipatorischer Bewegungen zurück. Mit der Losung »eine andere Welt ist möglich« besteht sie auf der Gestaltbarkeit der Verhältnisse unter den Prämissen der Humanität und ökologischen Nachhaltigkeit und stellt sich damit den Dogmen der Alternativlosigkeit entgegen. Ihr globales Ziel ist Emanzipation;  konkrete Aktionen sind darauf gerichtet Demokratie, Partizipation und Selbstbestimmung, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Rechte durchzusetzen. Zugleich ist Emanzipation der Weg der Wahl: Erkenntnis und Befähigung sollen Menschen in die Lage versetzen Gesellschaft zu verändern.
Der europäische Faschismus und insbesondere der deutsche Nationalsozialismus waren mit dem Ziel angetreten, die emanzipatorischen gesellschaftlichen Kräfte auszulöschen, um das barbarischste kapitalistische Krisenprogramm zu exerzieren. Der nachhaltige Verlust an geistigen und strukturellen Potenzialen des kritischen und emanzipatorischen Lagers durch die Vernichtungspolitik der Faschisten ist kaum zu ermessen.
In dieser Wüste der Entmenschlichung markieren die vielfältigen Akte des Widerstands, in denen emanzipatorische Räume offensiv behauptet wurden, die Wurzeln, aus denen nach 1945 fortschrittliche Bewegungen, politische, philosophische und künstlerische Initiativen erwachsen konnten. Die Handlungen der Widerständigen unter dem Nationalsozialismus wurden zum Tunnel, durch den die geronnen Erfahrungen und Traditionen sozialer und politischer Befreiungskämpfe, die in den finsteren Zeiten faschistischer Herrschaft von der völligen Vernichtung bedroht waren, gerettet werden konnten.
Die Globalisierungskritische Bewegung ist Kind einer Zeit, die sich zunehmend geschichtslos zeigt und von Augenblicken der Unmittelbarkeit zehrt. Die persönlichen Erfahrungen der Aktiven sind geprägt vom Zusammenbruch des Sozialismus, vom Kniefall der Grünen vor dem Neoliberalismus oder vom Scheitern der Sozialdemokratie.  Vor diesem Hintergrund hat die Abgrenzung von gescheiterten Vorbildern noch einen hohen Stellenwert für die Identitätsbildung.
Ein entwickeltes Bewusstsein über die historische Einordnung der Bewegung und ein gemeinsames Erfassen des Bewahrenswerten kann im Prozess der weiteren Reifung entstehen. Zum fragenden Voranschreiten  wird der (selbst)vergewissernde Blick zurück die Spuren zu einer langen Tradition erhellen, die der Nationalsozialismus gänzlich vernichten wollte aber nicht konnte.
2. Aktualität
Jenseits der historischen Bewertung ist der Kampf gegen Faschismus leider auch heute noch aktuell und notwendig. In den 90»er Jahren, als der neoliberale Umbau der Gesellschaften in Europa mit besonderer Härte vorangetrieben wurde, war der Anstieg der sozialen Probleme von einem Aufstieg einer neuen radikalen Rechten begleitet, den etablierte Parteien mit medialer Stimmungsmache und rassistischer Gesetzgebung forciert haben Die Pogrome gegen MigrantInnen in Deutschland Anfang der 90er Jahre - als Speerspitze einer massiven Zunahme rassistischer und antisemitischer Gewalt - wurden begleitet vom Anwachsen rechtspopulistischer Parteien und Formationen. Abstiegsängste und Perspektivlosigkeit haben die radikale Rechte in Europa für viele Menschen attraktiv gemacht.
Auch wenn es der Globalisierungskritischen Bewegungen in Westeuropa gelang, eine emanzipatorische Kritik an der Verschärfung sozialer Probleme in der Öffentlichkeit zu etablieren, haben auch reaktionäre Antworten erfolgreich Verbreitung gefunden. Der Antisemitismus als »Antikapitalismus des dummen Mannes« erfährt ebenso eine Renaissance, wie die Vorstellung von einer nationalen Volksgemeinschaft, in der die soziale Frage chauvinistisch oder auch offen rassistisch beantwortet wird.
Die neue Rechte wächst auf dem Boden der neoliberalen Wettbewerbsideologie, die sie ins Sozialdarwinistische dreht. Das »Recht des Stärkeren« interpretiert sie bis zum Recht zur Vernichtung der Schwachen und knüpft dabei an die wirklichen Verhältnisse an.
3. Globalisierung und Fundamentalismus
Die Globalisierung des Finanzmarkt-Kapitalismus wirkt sich in vielfältiger Weise destruktiv auf die Entwicklung der Gesellschaften aus: »Die wichtigsten Reproduktionsinstanzen, die Familie (im Sinne eines Generationen übergreifenden partnerschaftlichen Zusammenlebens) und der Staat (im Sinne des Repräsentanten eines Klassen- und Gruppenübergreifenden Gemeinwesens) werden in ihren Kernfunktionen geschwächt und dem Wettbewerb auf den Märkten mit kurzfristiger Renditeerwartung untergeordnet. Die wichtigsten Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums - Natur und Kultur - werden untergraben oder zerstört.« Die »Ökonomie der Enteignung«, ist für große gesellschaftliche Gruppen weltweit ausgesprochen bedrohlich.
Die führenden Akteure haben supranationale Institutionen gestaltet (WTO, IWF, EU usw.), deren Regeln von demokratisch gewählten Regierungen exekutiert werden - unter dem Druck ökonomischer Erpressung bis hin zur unmittelbaren politischen und militärischen Einmischung. Demokratie wird auf diese Weise de-legitimiert. Zugleich treiben die Herrschenden einen starken »Sicherheitssaat« und Aufwertung von Kriegen voran, um den sich verschärfenden sozialen, ethnischen und ökologischen Konflikten weltweit zu begegnen. Auf diesem Nährboden wachsen starke antidemokratische und fundamentalistische Strömungen.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Krise des finanzmonopolistischen Kapitalismus in ähnlicher Weise gewohnte Lebensweisen und Ordnungen in  Unsicherheiten gestürzt.
Fundamentalismen verschiedener Couleur ziehen gegen Uneindeutigkeiten und Verunsicherung zu Felde. Sie liefern Ideologien, die dem Leben wieder Ordnung geben und sind dann anziehend, wenn die gesellschaftlichen Veränderungen die sozialen und kulturellen Fähigkeiten des Einzelnen überfordern.
In diesem Sinne war der Faschismus eine fundamentalistische Bewegung mit einer besonders radikalen Ideologie und einzigartig verbrecherischen Energie.
Die Parallelen zu Heute liegen auf der Hand. Auch heute erleben wir eine Zeit von rasanten Veränderungen und »Modernisierungen«, die nicht nur soziale Bedingungen, sondern auch alte Kulturen und Lebenswelten fundamental angreifen. Viele Menschen müssen um ihren Platz in der Gesellschaft fürchten und finden keinen neuen Halt. Alte Festigkeiten zerbrechen und werden auch im Alltag ersetzt durch Prekarität, Flexibilität und Mobilität. Verstärkt wird die tiefe Verunsicherung durch die kulturelle Globalisierung, die ohne Rücksicht auf religiöse oder ethnische Traditionen jeden Winkel mit westlicher, kommerzieller Produktion durchzieht und unzählige Optionen zeigt. Diese kulturelle Krise, gepaart mit sozialen Abstiegs- und Existenzängsten eröffnet den Weg in den ideologischen Obskurantismus, der die Komplexität der realen Welt auf einfache Konstruktionen reduzieren, die den Krisen geschüttelten Menschen Gewissheiten liefern, mit denen sie ihren Alltag meistern können. Dabei sind der christliche Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten, der radikale Islamismus in der arabischen Welt und nationalistisch-rassistische Strömungen in Westeuropa die wichtigsten Fundmentalismen unserer Zeit die auf unterschiedliche Weise die Errungenschaften von Humanismus und Aufklärung negieren
4. Herausforderungen an emanzipatorische Globalisierungskritik
Emanzipatorische Globalisierungskritik ist eine Bewegung, die humane und ökologische Antworten auf die Krisenphänomene sucht, ohne sich der Komplexität der Realität und dem Unbestimmten zu verweigern. Das in Frage stellen der vermeintlichen Sachzwänge  der Globalisierung geht dem Voranschreiten voraus. Und das Fragen wird nie aufhören, weil keine umfassenden Baupläne für die neue Zeit erstellt werden können, in der die emanzipierten assoziierten Individuen die Gestaltungsmacht haben. (Pregundando Caminamos ). Das entbindet die Bewegung aber nicht von einer möglichst genauen und beweglichen Analyse der bestehenden Verhältnisse. Das ist nötig, um jeweils den geeigneten Ausgangspunkt zu finden, von dem aus in die richtige Richtung voran geschritten werden kann, und um strategische Projekte zu identifizieren, die gesellschaftliche Kraft entfalten können.  
Der fordistische wohlfahrtsstaatliche Kapitalismus, der sich in der Auseinandersetzung mit der faschistischen  »Lösung« der Krise des finanzmonopolistischen Kapitalismus nach dem II. Weltkrieg als beherrschende Form durchsetzte, basierte auf der Fähigkeit von produktiven Großunternehmen, ihre eigene Finanzakkumulation und zufrieden stellende Profite auf der Basis enorm hoher Wachstumsraten zu realisieren. Auf dieser Grundlage entstanden Interessenbündnisse zwischen Management und Beschäftigten und - unterstützt vom Systemkonkurrenzdruck mit dem »real existierenden Sozialismus« - Klassenübergreifender Konsens für den Sozialstaat.
Zwischen den 70er und 90er Jahren wurde der Übergang zum Finanzmarkt-Kapitalismus vollzogen***, dessen zentraler institutioneller Mechanismus so zusammen-gefasst werden kann: Durch eine Rekonzentration des Eigentums wurden die Investment-Fonds zu neuen zentralen Akteuren des Systems. Die »neuen» Eigentümer sind instabil, da sie ihre Anteile im Durchschnitt alle 20 Monate wieder verkaufen. Die Investment-Fonds stehen in einer globalen Konkurrenz um höchstmögliche Rendite. Sie übertragen diese Konkurrenz in die Unternehmen und zwingen sie,  ihre Strategien am Aktienkurs und an der Rendite zu orientieren (shareholder value). Die Kombination von »exit» und »voice»  begünstigt eine spezifische Form des Opportunismus, nämlich die Orientierung an kurzfristiger Profitmaximierung, die eine Krise der (sozialen, ökologischen, kulturellen) Reproduktion produziert.
Dieser neue Kapitalismus leistet sich selbst in den Zentren ein wesentlich höheres Maß an Instabilität, gesellschaftlicher Spaltung und offener Unterdrückung. Loyalität wird - weltweit - weniger positiv durch Zugeständnisse erkauft als durch ökonomische Erpressung erzwungen. Mario Candeias kommt zu dem Schluss, dass im Unterschied zum Fordismus  »der Neoliberalismus die »Krise» auf Dauer stellt, gesellschaftliche Ungleichgewichte befördert und sie gleichzeitig unter »Kontrolle» behalten muss. ... Die scharfen konjunkturellen Krisen im Neoliberalismus gleichen vielmehr dem typischen wirtschaftlichen Verlauf des 19. Jahrhunderts.«
Die Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus kann unter bestimmten Bedingungen im Rahmen des »Krieges gegen den Terror«, eines  verschärften Kampfes um Ressourcen, wachsender sozialer, ethnischer und ökologischer Konflikte in einen Zustand des entzivilisierten Kapitalismus münden, der mehr einem Weltbürgerkrieg als einer Weltgemeinschaft ähnelt.
Die Herausforderung besteht darin, die Barbarei zu verhindern und Alternativen zu entwickeln, die die Zwänge des Systems überwinden können. Es geht  auch heute wieder darum, die Barbarei zu stoppen, die der UNO-Kommissar für Welternährung, Jean Ziegler für Teile dieser Welt bereits als mörderische Wirklichkeit beschreibt . Darum macht es Sinn, die  Erfahrungen und Fehler der antifaschistischen Kräfte, deren Bündnisfähigkeit häufig dem ideologischen Streit zum Opfer fiel, in Erinnerung zu behalten um daraus zu lernen.
Vor diesem Hintergrund müssen - in einem Korridor emanzipatorischen Politikverständnisses - möglichst breite, internationale »anti-neoliberale Allianzen« organisiert werden, die den Tendenzen zur gänzlichen Entzivilisierung entgegen stehen. Dabei sind neuartige Bündnisse zu entwickeln, die Schnittmengen zwischen den Interessen der beteiligten Akteure - seien es Gewerkschaften, Umweltverbände, protestierende Kleinbauern oder Studierende - sichtbar und für konkrete Auseinandersetzungen nutzbar machen, ohne dass gemeinsame Programme nötig sind. In den Erklärungen der Sozialforen werden die Prinzipien der Offenheit und Solidarität betont und auf die Pluralität und Diversität der Bewegung als eine Stärke hingewiesen. Nicht um Fraktionierung und Dominanz soll es bei den Auseinandersetzungen in der Bewegung gehen, sondern um das Respektieren der Differenzen und das Sondieren von Konsensen, die gemeinsames Handeln begründen. Das kann sich auf Richtungsforderungen beziehen, die nach der weltweiten Umsetzung von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten oder auf konkrete Vorhaben wie die Einführung einer Devisentransaktionssteuer (Tobin-Tax).
Der neoliberale Finanzkapitalismus stellt sich - trotz wachsender Kritik - noch immer als hegemoniales Projekt dar. In sich widersprüchlich, aber durch starke gemeinsame Interessen gefestigt und ideologisch diskursiv verankert. Die aktive Zustimmung zum Projekt bleibt prekär, abhängig von der konjunkturellen Entwicklung, der passive Konsens ist allerdings groß, Alternativen zum neoliberalen Umbau finden im öffentlichen Raum kaum Gehör. Die offiziellen Debatten drehen sich allenfalls um mehr oder weniger aggressive neoliberale oder sozialdemokratisch abgefederte Gestaltung.
Obwohl das Fehlen der ökonomischen, ökologischen und ideologischen Grundlagen eine Rückkehr zum wachstumsbasierten wohlfahrtsstaatlichen Kapitalismus unmöglich (und angesichts seiner exklusiven und autoritären Tendenzen auch nicht wünschbar) macht, kann es sinnvoll und notwendig sein, für sozialdemokratisch-multilaterale Gestaltungsversuche einzutreten, um agressiv-imperiale Varianten zu verhindern. 
Solche Erfolge können und werden Menschen dazu ermuntern für ihre Rechte zu kämpfen. Jede Position gegen den Neoliberalismus wird daran zu messen sein, welche  transformatorischen Potenziale, also welche Räume für weitergehender Kritik und Selbstermächtigung bei ihrer Durchsetzung geöffnet werden.
Gegen den fundamentalistischen Versuch, Menschen mit anti-aufklärerischen Ideologien zu binden, gilt es, gesellschaftliche Räume zu etablieren, in denen  solidarisches miteinander Leben und Handeln,  gemeinsames kritisches Denken praktiziert werden und Halt geben.
Gleichzeitig geht es darum, emanzipatorisch-solidarische und ökologisch-nachhaltige Projekte voran zu bringen, die die Profitdominanz überwinden. Um die Menschen dafür zu gewinnen, ist nicht nur »ökonomische Alphabetisierung« nötig, die Alltagserfahrung durchschaubar machen und gegen mächtige und subtile Meinungsmaschinerien anstehen muss. Es ist auch eine tiefe Skepsis gegen Utopien zu überwinden.  Die große Alternative Sozialismus, die im 20. Jahrhundert  - bei allen Differenzen -weite Teile der Arbeiterbewegung, der kritischen Intellektuellen, Künstler usw. inspirierte, ist diskreditiert. Neue alternative Projekte müssen behutsam den Eindruck vermeiden, sie seien der große Wurf, der allen übergestülpt werden könne. Sie müssen auf Individualität und Partizipation bauen und dürfen doch die gesellschaftlichen (Re-)Produktionsverhältnisse nicht aus dem Blick verlieren.
5. Das Vermächtnis der Tat
Das Engagement von Georg Elsner steht, gerade weil er sich vereinzelt für die Tat entscheidet, symbolisch für die individuelle Auflehnung gegen übermächtige Gegner. Dieser Geist durchzieht den antifaschistischen Widerstand. Ihre Strukturen waren zerstört, die neuen Machthaber standen als unangefochtene Sieger da. Angesichts dieser Übermacht ordnete sich die Mehrheit der Bevölkerung unter die nationalsozialistische Herrschaft. Wenn es auch nicht genug waren, so gab es aber auch Unzählige, die sich - in Gruppen oder als Einzelne - gegen die Verhältnisse stemmten. Sie behaupteten nicht nur Humanität in Zeiten der offenen Barbarei, sondern bestanden auch auf individuelle Handlungsmöglichkeit, die Freiheit zur Tat und die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung durch jedeN EinzelneN.
Voraussetzung war, dass sich viele dieser widerständigen Persönlichkeiten in kollektiven Zusammenhängen herausbilden konnten. Die Organisationen der Arbeiterbewegung mit ihren Betriebs- und Sportgruppen, Hilfskassen, Bildungsvereinen, Arbeiterschulen und Parteistrukturen stellten ein Netzwerk sozialer Beziehungen dar, das Unterstützung und die (Klassen-) Bewusstseinsbildung gewährte.
Auch wenn die Zeiten nicht so düster sind wie damals, so stehen  wir auch in unserer Epoche vor gesellschaftlichen Verhältnissen der Unterdrückung, die so stark und gefestigt scheinen, dass Philosophen das »Ende der Geschichte« ausgerufen haben.
Die Bewegung der Altermondialisten hat sich - neben der Information und Aufklärung die Befähigung zum Handeln, die Aktion und die Gestaltung konkreter Alternativen vorgenommen.
Die Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse macht eine Vielfalt von politischen Aktionsformen und Instrumenten notwendig. Die Akteure der emanzipatorischen Bewegung  müssen aufklären, Wissen vermitteln, Menschen organisieren und politischen Druck entfalten. Von der Publikation über Workshops, Konferenzen, professioneller Öffentlichkeitsarbeit der Politikbeeinflussung im offiziellen politischen System, bis zur phantasievollen Performance, Arbeitskämpfen, Käuferstreiks, Demonstrationen, Landbesetzungen oder andere Aktionen des zivilen Ungehorsams - je nach Umständen sollen alle diese Instrumente genutzt werden, ohne eines zu verabsolutieren.
Die größte Herausforderung besteht darin, die gewerkschaftlichen Kämpfe und die Kämpfe der Armen produktiv mit der globalisierungskritischen Bewegung und ihrer Kapitalismuskritik zu verbinden. Dabei stellt sich die Notwendigkeit, einerseits an den unmittelbaren Arbeitsbedingungen und Interessen insbesondere der mehr oder weniger prekär Beschäftigten anzuknüpfen und andererseits die Politisierung dieser Verhältnisse zu betreiben, den Zusammenhang mit der neoliberalen, Finanzmarkt dominierten Globalisierung herzustellen.
Weitere Herausforderungen sind die Verbindung von Organisationen und individuellen Aktivisten, oder die organisierte Herstellung individueller Handlungsfähigkeit, die Entwicklung neuer, wirksamer Aktionsformen und die Entfaltung von demokratischer Radikalität.
Spannende Lernfelder dafür finden wir z.B. bei den Organizing-Ansätzen in den USA . Sowohl bei gewerkschaftlichen Kampagnen, wie der »jobs with justice«, die an miserable Arbeitsbedingungen anknüpft, die Betroffene direkt anspricht, Bündnisse z.B. mit VerbraucherInnen sucht und auf öffentlichkeitswirksame (auch konfrontative) Aktionen setzt, als auch bei den Communities. Interessante historische Vorbilder sind die Kämpfe um soziale und politische Rechte der Farbigen, die Praxis gewaltfreier Aktion und die so genannten Bürger-Gewerkschaften, deren erste der russische Einwanderersohn Saul Alinsky 1939 in dem berüchtigten Chicagoer Schlachthof-Viertel gründete.
Auch in Lateinamerika oder in verschiedenen europäischen Ländern finden wichtige widerständige Aktivitäten statt. Im konkreten Austausch und im Bewusstsein, an verschiedenen Orten mit den selben Mechanismen des globalen Herrschaftssystems konfrontiert zu sein, können diese Erfahrungen für eigene Lernprozesse genutzt werden.
Die globalisierungskritische Bewegung hat knapp acht Jahre nach ihrer weltöffentlichen Geburtsstunde bei den Protesten gegen den WTO in Seattle nun ihren ersten Zyklus abgeschlossen. Es gibt viele Erfolge, die diese Bewegung zu verzeichnen hat. Am deutlichsten ist der Fortschritt auf der Ebene des Diskurses, in der Veränderung der öffentlichen Debatte. Der Slogan »die Welt ist keine Ware« , ist stark popularisiert worden und auch die Feststellung, dass eine andere Welt möglich ist,  oder dass Kapitalismus in Frage gestellt werden kann, führt nicht mehr so leicht wie vor zehn Jahren ins diskursive Abseits. Und dennoch konnten der Neoliberalismus und die zunehmende Herrschaft des Kapitals über weitere Lebensbereiche nicht gebrochen werden.
Neben der Reifung stellt sich im Verlauf von Bewegungen immer auch Müdigkeit und Resignation ein. Der lange Lauf der für die Veränderung der Gesellschaft nötig ist, hat die Schwierigkeiten des individuellen Lebens und Überlebens im Kapitalismus im Gepäck, die diesen Weg über lange Distanzen mühsam machen.
Die notwendige Politisierung und Radikalisierung des Protestes, wie wir ihn z.B. in Frankreich erleben, konnte häufig  nicht erreicht werden. Hier zu Lande sind Formen des zivilen Ungehorsams, Aktionen der Wiederaneignung von offensivem Protest oder Verweigerung noch zu unpopulär, zu ängstlich sind noch zu Viele bei ihrem Aufbegehren.
Der Widerstand in Hitler-Deutschland kann gerade wegen der verzweifelten Lage, die Menschen bis heute dazu ermutigen, sich gegen übermächtige Gegner aufzulehnen und sich ungerechten Verhältnissen, auch wenn sie schier unveränderbar scheinen, aktiv zu widersetzen. Jede emanzipatorische soziale Bewegung sollte ein essentielles Interesse daran haben, diese Erinnerung wach zu halten.
Den geschichtlichen Gang nicht hinzunehmen, die Verhältnisse nicht zu akzeptieren, war sicher kaum jemals so gefährlich und so aussichtslos wie für Georg Elser und seine Zeitgenossen. Sie haben den subjektiven Faktor in der Gestaltung von Geschichte behauptet. Ihre Taten sind und bleiben ein Vermächtnis für Auflehnung.
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1 Bei der Kritik der Wirtschafts- und Sozialpolitik, die in der EU vorherrscht, sind in den Debatten viele Gemeinsamkeiten auszumachen. Grösser und manchmal unüberwindlich werden die Unterschiede, wenn es um Lösungsansätze und konkrete Alternativen geht. Der im Selbstverständnis zumindest sprachlich gemachte Übergang vom «anti» (gegen) zu einem «alter» (anders) ist leichter gesagt als getan.
Die «altermondialistische» Bewegung gegen die Globalisierung und die amerikanische Vormachtpohtik entstand weitgehend auf dem Boden der Unzufriedenheit mit der Politik und den offiziellen Vertretern der parlamentarischen Demokratie. Die politischen Parteien sind daher am Forum nur ausnahmsweise als Gäste an einer Debatte über die Beziehung der Bewegung zur Politik geduldet. Die «Alter-mondialistes» wollen im Namen der Bürgerrechte die Politik «vergesellschaftlichen». Sie verstehen sich gern als Gegenmacht, die Frage eigener politischer Verantwortung aber haben sie dabei bisher ausgeklammert.

(Quelle: Bericht von Rudolf Balmer zum "Europäischen Sozialforum" in Paris, Basler Zeitung, 15./16. September 2003)
2 Michael Brie, »Die Linke - was kann sie wollen? Politik unter den Bedingungen des Finanzmarkt-Kapitalismus«, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 3/2006
3 »Pregundando Caminamos« (fragend schreiten wir voran) ist die programmatische Losung der Zappatisten
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*** Die Frage, warum die in der Krise 1970er Jahren entwickelten Alternativen, die immerhin zu bedeutenden Linksregierungen beispielsweise in Chile oder in Frankreich führten -  nicht stark genug waren, um das neoliberale »roll back« zu verhindern, ist eine andere historische Baustelle, die der Bearbeitung in der Bewegung bedürfte.
4 Voice: Widerspruch, Einflussnahme von Individuen auf Kollektiventscheidungen. Exit: Abwanderung des Kapitals von einem Unternehmen bzw. Wanderung zwischen einzelnen Zusammenschlüssen
5 Jean Ziegler, Das Imperium der Schande - Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung, C. Bertelsmann Verlag, München, 2005
6 Der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO gründete Mitte der 80er Jahre das Organizing-Institut. Eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, hauptamtliche Organizer zu rekrutieren. Neu war damals, dass die Gewerkschaften auch an Hochschulen für die Mitarbeit in Organizing-Kampagnen warben. Zudem bietet das Organizing-Institut den Einzelgewerkschaften Aus- und Fortbildungsprogramme für ehren- und hauptamtliche Organizer. In den letzten Jahren wurde in den USA vor allem im Gesundheitswesen, in Alten- und Pflegeheimen, bei Sicherheitsdiensten, im Reinigungs- und Cateringgewerbe, bei Transportunternehmen, im Bildungssektor und im Öffentlichen Dienst gewerkschaftlich organisiert.
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Seite zuletzt geändert am 15.08.2009 um 08:10 Uhr

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