Sabine Leidig
 

Die Macht des Öls brechen
Anstatt immer weiter zu bohren, sollte man bohrende Fragen stellen

Artikelbeitrag für die "Clara", im September 2010
Anstatt immer weiter zu bohren, sollte man bohrende Fragen stellen
"Die größte Ölpest der Geschichte" hat sich in diesem Sommer vor der US-Küste entwickelt. Rund 5 Millionen Barrel (mehr als 650.000 Tonnen) Öl sind in den Golf von Mexiko geströmt. Die Wildschutzgebiete im Mississippi-Delta sind verschmutzt - mit verheerenden Auswirkungen für Zehntausende brütende Küstenvögel. Seit 2. Juni 2010 gilt dort, vor der Küste von Florida, ein Fischfangverbot. Die mehr als 5600 eingesetzten Fahrzeuge (Schiffe, Helikopter, Bulldozer, Lastkraftwagen) haben viele weitere ökologische Schäden angerichtet. Beim Unterfangen, den Ölteppich kontrolliert abzubrennen, kam es zu erheblicher Luftverschmutzung; die Schadstoffe aus dem Öl bleiben als Rückstände im Meer und gelangen in die Nahrungskette. Im Juli 2010 sagte die amerikanische Ratingagentur Moody»s voraus, dass bis Ende des Jahres 17.000 Arbeitsplätze an der Golfküste wegfallen könnten - im schlimmsten Fall könnten es sogar über 100.000 sein.
Als die Bohrplattform Deepwater Horizon hoch ging, fiel BP ganz tief. Der Ölkonzern wurde zum Buhmann. Die Medien warteten mit vielen Informationen auf, weshalb BP in einer langen Tradition von Umweltschweinereien zu sehen sei. Die sind alle zutreffend, aber vergleichbare Sündenregister haben viele andere Ölkonzerne. Auf einer Anhörung in Washington Mitte Juni 2010 wurden Studien zitiert, wonach die ganze Ölbranche in den USA im Jahr 2008 von ihren summierten Jahresprofiten gerade einmal 0,01 Prozent in Sicherheit investiert hatten (20 Millionen von 290 Milliarden US-Dollar). Vor allem bei den US-amerikanischen und den europäischen Ölkonzernen besteht das "Geschäftsmodell" in erster Linie im Offshore-Business. Im Golf von Mexiko bohren fast alle Großen: neben BP auch Chevron (USA), Shell (britisch-niederländisch), ENI (Italien), Statoil (Norwegen), Exxon (USA), Repsol (Spanien) und Total (Frankreich). Von der gesamten täglich geförderten Rohölmenge stammt heute ein knappes Drittel aus Funden, die unter Wasser liegen. Acht Prozent werden über Tiefseeplattformen gepumpt, bei denen sich das Bohrloch weit über 1000 Meter unter dem Meeresboden befindet. Solche Tiefseebohrungen gibt es erst seit gut einem Jahrzehnt. Aber 2020 sollen bereits 30 Prozent des Öls aus großen Tiefen unter dem Meeresboden stammen. Die Risiken steigen damit enorm.
Doch so genau will man das gar nicht wissen. Das Bohrloch ist geschlossen. Der Deckel auf der Story. Das Thema aus den Medien. De BP-Chef Hayward weg vom Fenster. Andere fatale "Naturereignisse" - Überschwemmungen in China oder Pakistan und Waldbrände um Moskau  - beanspruchten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Dabei ließe sich bei den Katastrophen des Sommers 2010 leicht ein beängstigender Bogen schlagen: Es existieren Zusammenhänge zwischen der Ölpest, der Klimaerwärmung und einer Wirtschaftsweise, die von Profitsteigerung und dem Verbrennen fossiler Ressourcen geprägt ist.
Die herrschende Losung lautet: Drill, baby, drill - immer weiterbohren!
Dafür gibt es einen abgeleiteten und einen letztendlich entscheidenden Grund: Das erstere ist der hohe Ölpreis, der die immensen Investitionen lohnend macht. Der zweite und eigentliche Grund ist der Peak Oil: Das ist dann, wenn der ?peak?, der Gipfel, das Maximum der täglichen Ölextraktion erreicht ist. Dieses Datum markiert den Anfang vom Ende einer sehr kurzen Zeitspanne, in der die Menschheit sich entwickelt, indem sie fossile Rohstoffe verbrennt. (Grafik) Seit den sechziger Jahren ist die Entdeckung neuer Ölfelder und deren Durchschnittsgröße rückläufig sind. Einige der großen, angezapften Ölfelder sind bereits versiegt, bei anderen sinkt die Förderung drastisch. Man kann einigermaßen sicher berechnen, dass der ?peak? entweder bereits erreicht ist, oder wir kurz davor stehen. Bei einem kaum mehr steigerbaren Angebot und einer wachsenden Nachfrage kennt der (Öl-) preis jedoch nur eine Bewegung: es geht (mehr oder weniger steil) nach oben. Der Rohölpreis liegt heute bei 70 bis 90 US-Dollar je Barrel und damit mindestens doppelt so hoch ist wie 2007. Das treibt die Ölkonzerne immer weiter aufs offene Meer hinaus, immer tiefer unter den Meeresboden, nach Grönland und Alaska, in die Arktis und die Antarktis ... kein Weg zu weit, kein Risiko zu groß, auf der Jagd nach gigantischen Profiten, solange der Hunger nach (mehr) Öl anhält.
Das »Dezernat Zukunftsanalye« des Zentrums für Transformation der Bundeswehr, veröffentlichte jüngst eine Studie zu den (sicherheitspolitischen) Implikationen von Peak Oil und warnt vor tiefen ökonomischen du politischen Krisen, vor dem systemischen Risiko (Chaos), bei überschreiten des »Tipping Points« (also wenn die Zeit zur Reduzierung des Ölverbauchs verpasst wird). Dort heißt es u.a.: »... Der Faktor Zeit kann für den Erfolg der Transformation zu post-fossilen Gesellschaften dabei entscheidend sein. ...« oder » .... Der (...) Paradigmenwechsel (...) widerspricht ökonomischer Logik und kann deswegen nur in begrenztem Umfang Marktkräften überlassen werden.«
Tatsächlich aber sind es aber gerade die »Marktkräfte«, die Konzerne der Öl-Auto-Flugzeugindustrie, die aufgrund ihrer schieren Größe und Kapitalmacht, ganz wesentlich die globale Entwicklung bestimmen. Unter den 500 größten Konzernen der Welt, den ?Global 500?, wächst ihr Anteil seit Mitte der 1970er Jahre und liegt bei etwa einem Drittel. Dabei entfaltet das Ölkartell eine besondere Dynamik: 1999 konzentrierten sie einen Anteil an der Global-500-Profitmasse von 8,2 Prozent auf sich (bei einem Umsatzanteil von 7,9 %). Zehn Jahre später waren es bereits 22,5 Prozent (während der Umsatzanteil »nur« auf 15,1 Prozent stieg).
Gegen diese verfestigte Macht, sind nachhaltige Reformen nur mit viel Drucks von unten vorstellbar, wenn der notwendige Umbau demokratisch und solidarisch sein soll und keine »Öko-Diktatur«. 
*  Angaben zu den Ölreserven (Festland/Offshore) nach: BP Statistical Review of World Energy, 2009.
Oil-peak -> Grafik zum Downlaod (PDF, 71,67 KB)
Sabine Leidig (MdB, verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion) will solidarische Alternativen für Mobilität: »Verkehr ist ein Zukunftsthema und ein Feld für soziale Kämpfe: die Autokonzerne rüsten für eine Verdopplung der PKW-Zahl weltweit. Ein Alptraum. Was wir dagegen brauchen sind Utopien, Modelle und praktische Kämpfe für regionale Entwicklung mit weniger Verkehr, für öffentliche Räume für Menschen statt Autos, für Bahnen und (Elektro-)Busse. Die Linke wird die notwendige sozial-ökologische Verkehrswende als ein zentrales Transformationsprojekt auf die Agenda setzen und erinnert an den Spruch »Jede Revolution beginnt auf der Straße« (VW-Werbung aus den 1980ern).« www.auto-mobil-krise.de
Die Linke
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Seite zuletzt geändert am 13.09.2010 um 17:47 Uhr

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